Genealogie

Einleitung

von Gisbert Otterstätter

Mit der wachsenden Bevölkerung im ausgehenden Mittelalter wurden
die gesellschaftlichen Verhältnisse komplizierter.
Ein einzelner Name genügte nicht mehr für die Unterscheidung der
einzelnen Personen, weshalb man einen Nachnamen hinzufügte.
Diese Entwicklung begann bei den Adligen bereits im Hochmittelalter,
im Bürgertum allmählich zwischen 1200 und 1600.
Zunächst handelte es sich um Beinamen lebender Personen.
Indem sie dann auf Kinder und Enkel übertragen wurden,
verwandelten sie sich in echte Familiennamen, zuerst in größeren,
dann in kleineren Städten und zuletzt auf dem Lande. In Speyer,
Worms und Mainz begann dies Entwicklung um 1200,
in Landau tauchen um 1389 Familiennamen auf, in Landgemeinden um 1400.
Die Familiennamen wurden in unterschiedlicher Weise gebildet:
Durch Ableitung vom Namen des Vaters (aus Rudolfs Heinrich wurde Heinrich Rudolf),
körperliche Auffälligkeiten (Martin mit dem schwarzen Haar wurde Martin Schwarz),
Nennung der Wohnstätte (Im Tal wurde Dahlmann, am Bach wurde Bachmann),
Verwendung von Hausnamen (Der Bewohner des Hauses "Zum Engel" wurde Engel),
Bildung von Herkunftsnamen (aus dem Odenwald wurde Odenwälder),
Berufsnamen (Fischer, Zimmermann usw.) und schließlich
durch die Verwendung von Spitznamen (Funke für einen Schmied, Joppe für
einen Schneider, Knörzer für einen Bäcker).
Daneben wurden auch fremdländische Worte
in deutsche Namen verwandelt
(z.B. das slawische Wort "kowal" für Schmied in Kuhwald)
oder christliche Taufnamen wurden verändert (z.B. Algidius zu Illig).
In späterer Zeit lateinisierte man dann die deutschen Namen (Schneider wurde Sartorius).

Heute lässt sich
in vielen Fällen nicht mehr eindeutig sagen welcher der genannten
Kategorien ein Familiennamen zuzuordnen ist.
So kann es sich bei dem Namen Dietrich sowohl um einen Vatersnamen
als auch um einen Spitznamen (Dietrich für einen Schlosser) handeln.
Bei Otterstätter hingegen handelt es sich eindeutig um eine Herkunftsbezeichnung,
die sich von dem Ort Otterstadt herleitet, der wenige Kilometer nördlich von Speyer
an einem alten Arm des Rheins liegt.
Die Schreibweise des Ortsnamens war bis in das 18. Jahrhundert
hinein "Otterstatt", wie z.B. auf einer Karte im Mannheimer Reiß-Museum zu sehen ist.
Die Schreibweise des Familiennamens wandelte sich von "Otterstetter" (1584)
über "Otterstatter" (1592) bis zum heute gebräuchlichen "Otterstätter" (1617).

Die allererste urkundliche Erwähnung des Namens habe ich in der Achterklärung
Kaiser Maximilians I. vom 10. Juni 1514 gegen Wormser Bürger gefunden:
Hanns Otterstat, auch Otterstatter genannt.
Hans Otterstat war Mitglied der Wormser Fischergilde und an der Erhebung der
Zünfte - die Parteigänger des Wormser Bischofs waren - gegen den
von den Patriziern dominierten Rat der Stadt beteiligt.
Die Angelegenheit erhielt eine weitergehende Bedeutung dadurch,
daß sich ein ebenfalls in die Acht erklärter Bürger - der Notar
Balthasar Schlör (in der Achterklärung "Walthasar Schlier" geschrieben) - hilfesuchend
an Franz von Sickingen wandte, der Worms in den Folgejahren erhebliche Probleme bereitete.
Was aus Hans Otterstat wurde ist nicht bekannt, auch lässt sich
eine genealogische Beziehung zu unserer Familie nicht herstellen.
Sie erscheint mir, aufgrund der räumlichen Entfernung zu Lachen, auch eher unwahrscheinlich.

Der Ort Lachen liegt wenige Kilometer östlich von Neustadt an der Weinstraße.
hat nie eine besondere Bedeutung besessen. Im Seelbuch von Lachen,
das etwa von 1323 bis nach 1400 geführt wurde, findet sich der Name Otterstätter
nicht. Die Familie ist in diesem Zeitraum wahrscheinlich noch nicht in Lachen ansässig gewesen,
andernfalls wäre sicherlich eine Spende, ein Jahrgedächtnis oder ähnliches verzeichnet worden.

Die erste urkundliche Erwähnung der Familie Otterstätter in Lachen erfolgte 1584.
In diesem Jahr wurde im Deutschen Reich eine zusätzliche Rüstungssteuer erhoben,
die sogenannte "Türkensteuer".
Das dabei in der Kurpfalz angelegte "Türkensteuer-Register" ist das erste lückenlose
Verzeichnis kurpfälzischer Haushalte.
In dem für den Ort Lachen erstellten Register (Landesarchiv Speyer)
werden fünf Haushalte mit dem Namen Otterstetter genannt: Martin, Philips, Jacob und Jorg Otterstetter,
sowie Hanß Otterstetters Witwe.
Die Zahl von vier männlichen Familienmitgliedern und einer Witwe
- also insgesamt fünf Haushalte - läßt vermuten, daß die Familie
mindestens eine Generation vorher zugewandert war, also um 1560 oder
früher. Ob die vier genannten Männer Brüder waren und die Witwe ihre
Mutter, lässt sich nicht feststellen.

1592 wurde eine weitere Sondersteuer erhoben und im sogenannten "Kriegssold-Register" registriert.
Im Lachener Registerband (Landesarchiv Speyer) sind genannt: Hans, Martin, Jacob und Georg Otterstatter,
sowie Hans Otterstatters Witwe. Georg ist möglicherweise
identisch mit dem bereits 1584 registrierten Jorg, die anderen Personen sind schon 1584 genannt.

Im 1617 erstellten "Schatzungs-Register" des kurpfälzischen Oberamtes Neustadt (Landesarchiv Speyer)
sind folgende Haushalte bzw. Personen aufgeführt: Johann Otterstätter,
Jacob Otterstätter, Hanß Otterstätters Wittib, Niklas Otterstätter,
Martin Otterstätter der Junge. Bei den Lachener Gemeinsleuten zu Speyerdorf ist
Peter Otterstätter genannt, bei den Vormundschaften Otterstatters Kind (Vorname unbekannt)
und als Vormund Hanß Michael. Vergleicht man die Namen von 1592 und 1617 erkennt man unschwer,
daß ein teilweiser Generationswechsel stattgefunden hat.

Infolge der Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648),
der die Pfalz in schwerster Weise heimsuchte, fehlen die entsprechenden Unterlagen,
um den genealogischen Zusammenhang zwischen den 1617 genannten Personen
und Peter Otterstätter (* 1628) herzustellen.
Aufgrund des häufig angewandten Brauchs dem Sohn den Vornamen des Vaters zu geben,
kann man nur vermuten, daß der 1617 in Speyerdorf ansäßige Peter möglicherweise
der Vater war. Einen Beweis dafür gibt es nicht. Ab dem 1628 geborenen Peter Otterstätter ist
die Genealogie in direkter Linie lückenlos. Mein Cousin Hermann Otterstätter hat
die Daten zwischen 1970 und 1980 aus Kirchenbüchern und Standesamtsunterlagen zusammengetragen,
ich habe sie später teilweise ergänzt.

Neben dem Familienzweig in Lachen und später in Haßloch bzw. Ludwigshafen gab es weitere Otterstätter
in Neustadt an der Haardt, sicherlich Verwandte der Lachener Otterstätter. In Dochnahls Chronik von Neustadt 
sind in chronologischer Reihenfolge aufgeführt: 1707 Erasmus Otterstätter von Mußbach,
1755 Wilhelm Otterstätter,
1758 Georg Otterstätter, jeweils als neue Bürger Neustadts,
1760 wird ein G.W. Otterstätter als Viertelmeister genannt und
1818 ein Otterstätter (Vorname nicht bekannt) als "Adjunct und Polizeicommissär".
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