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Borodino

Borodino und seine Umgebung

Borodino ist eine der drei ältesten deutschen Siedlungen in Bessarabien (heute ein Teil der Ukraine),
die im Jahre 1814 gegründet wurden. Die anderen beiden "Kolonien" - so nannte man damals
und auch heute noch die deutschen Siedlungen in Bessarabien - sind Tarutino und Krasna.
Borodino liegt fast am Nordrand der südbessarabischen Steppe inmitten anderer deutscher Siedlungen,
wie Klöstitz, Beresina, Leipzig, Friedrichsfeld, Neu-Borodino und Hoffnungstal. Die Lage der Siedlungen
zeigt diese Karte.
Die Verkehrsverbindungen in Bessarabien waren keine Straßen im mittel- und westeuropäischen Sinne. Sie waren
alle - auch die Straßen des Dorfes - unbefestigt. Dies hatte zur Folge, dass sich im Spätherbst, im Winter,
wenn sie nicht festgefroren waren, und im zeitigen Frühjahr unbefahrbar waren. In diesen Jahren waren die
Verbindungswege und die Straßen des Dorfes so verschlammt, dass der Verkehr nur mit zweirädrigen
Einachsern (Pferdewagen) oder zu Pferd möglich war. Im Sommer lag der Staub 5 bis 10 Zentimeter
dick auf den Straßen.
Bei der Gründung wurde die Kolonie Borodino im Tale Sak angelegt. Sak nennt sich das Steppenflüßchen
und auch das Tal, durch das es fließt. Es führt nur zur Zeit der Schneeschmelze Wasser oder nach starken
Regengüssen. Eigentlich liegt Borodino in zwei Tälern, diese treffen im Bereich Unter- und Außendorf zusammen.
In dem zweiten kleineren Tälchen liegt der Ortsteil Dalnik.
Der Name des Tales war auch der ursprüngliche Name von Borodino: Sak (Andere Schreibweisen: Ssak, Saok, Sack).
Danach wurde Sak kurzfristig in Alexander umbenannt, zum Andenken an die von dem russischen Zaren
empfangenen Wohltaten. Doch bald darauf erhielt die neue Siedlung ihren endgültigen Namen Borodino
zum Gedenken an die Schlacht in der Nähe des bei Moskau gelegenen Dorfes Borodino.

Die Umgebung von Borodino war ein leicht gewelltes Hügelland mit flachen Neigungswinkeln der Hügelhänge.
Der Hügelzug im Süden von Borodino fiel dagegen an seiner Nordseite an manchen Stellen steil ab.
Das Haupttal, Sak, war flach und hatte ein geringes Gefälle.

Die Pflanzen- und Tierwelt im Raum Borodino war vielfältig, vorherrschend bei den Bäumen war die
Akazie (richtig Robinie), weitere Bäume waren Obst-, Maulbeer-, Flieder- und Holunderbäume.
Wälder im eigentlichen Sinne gab es nicht, nur kleine Gehölze, die vom Menschen angepflanzt
wurden. Auf den Felder wuchs hauptsächlich Winterweizen, Gerste, Mais, Hafer, Roggen, etwas Flachs,
Hanf, Senf, Hirse und in letzter Zeit auch Soja. Für Nahrungszwecke für den eigenen Bedarf wurden
Kartoffeln, Zuckerrohr und als Viehfutter Rüben und Kürbisse angebaut. Weiterhin gab es an den Hügeln
mit viel Sonne Weinberge. Folgende Tiere waren unter anderen in der Umgebung von Borodino beheimatet:
Wölfe, Dachse, Hamster, Hasen, Iltisse, Weißstörche, Jungfernkraniche, Saatkrähen, Turteltauben,
Rotfußfalken, Sumpfohreulen und verschiedene Adlerarten.
Ein paar Fotos von Borodino und Umgebung habe ich auf dieser Seite zusammengetragen.


Gründung von Borodino

Im Schulzenamtsbericht von 1848 wird über die Gründung von Borodino folgendes berichtet:
"Es war im Jahre 1814, als der in Gott ruhende Kaiser Alexander I. glorreichen Andenkens
zur Anlegung von Kolonien in der Provinz Bessarabien einen Aufruf an die im Jahre 1803
zumeist aus Württemberg in das preußische Polen eingewanderten Deutschen erließ und
ihnen mit der Verleihung sehr bedeutsamer Privilegien eine neue Heimat unter seinem
kaiserlichen Schutze anbot. Den deutschen Kolonisten war dieser Aufruf ebenso ehrenvoll
wegen des ihnen geschenkten kaiserlichen Vertrauens, als erwünscht zu ihrem ferneren
Fortkommen, da sie auf ihren früheren Ansiedlungsorten durch die vielen Einquatierungen
und Durchmärsche einheimischer und feindlicher Truppen, in Veranlassung der französischen
Feldzüge, gar sehr Not gelitten, größten Teil auch all ihre Habe eingebüßt hatten.
Sie traten demnach noch im selben Jahr unter Oberleitung des Herrn Commissarius Krüger
ihre Reise nach Bessarabien an und bezogen das ihnen zugewiesene Land."
Die früheren Wohnsitze im "Herzogtum Warschau" lagen in den Räumen Kulm, Lodz, Posen
und Warschau.
Im Gemeindebericht von 1848 heißt es weiter:
"Ursprünglich ließen sich in der Kolonie Borodino 100 Familien nieder, denen sich aber
im Frühhjahr 1815 auf höhere Anordnung noch 15 Familien beigesellten. Von diesen 115
Familien stammten 64 aus dem Königreich Württemberg, 18 aus Westpreußen, 22 aus dem
Großherzogtümern Mecklenburg, 9 aus dem Großherzogtum Baden und 2 aus dem Königreich
Sachsen. Die Bezirke ihres Vaterlandes können nicht mehr genau angegeben werden, da die
Begründer der Kolonie zum größten Teil bereits mit Tode abgegangen sind. Die Württemberger
sind meistens aus der Gegend des Schwarzwaldes.
Die den Kolonisten der heutigen Kolonie Borodino zugewiesene Steppe war bei deren Ankunft
mit moldauischen Eingeborenen besetzt, daher mußten sie, ehe sie in den Besitz ihres Landes
treten konnten, 13 Wochen in den umliegenden moldauischen Dörfern Herberge nehmen. In den
von der hohen Krone auf Rechnung der Kronsschuld von Strauch neu errichteten Häuschen waren
die neuen Aussiedler genötigt, den kalten Winter über zu verharren, bis jene Häuschen im
Frühjahr 1815 untermauert und in einen für Deutsche bewohnbaren Zustand versetzt werden
konnten."

Von meinen Vorfahren ist 1814 Johann Peter Otterstätter (Geb. 18. Mai 1791 in Lachen-Speyerdorf, 116)
und verheiratet mit Katharine Görisch (Geb. 21. August 1808 in Warschau, 118) nach Bessarabien
eingewandert.


Weitere Entwicklung von Borodino

In den ersten dreizehn Jahren hat sich die Bevölkerungszahl von Borodino nur unwesentlich geändert,
dafür haben sich die Wohnverhältnisse wesentlich verbessert. Die ersten Unterkünfte waren Häuschen
aus Geflecht (Strauch). Im Jahre 1827 gab es bereits 13 Häuser aus Stein, 16 aus Geflecht, 86 aus
ungebrannten Ziegeln (Batzen), aber erst 9 Keller und 95 Brunnen.
Für die Versorgung mit Mehl gab es eine Windmühle und zwei Bodenmühlen.
Der Viehbestand hatte sich inzwischen auch vergrößert. Anfänglich besaßen die Bauern kaum Pferde.
Als Zugtiere dienten Ochsen, ein Paar pro Hof. Jetzt gab es schon 325 Pferde, 1555 Stück Vieh
und 224 Schafe im Ort.
Die Bauern hatten auch schon 115 Obstgärten und Weinberge angelegt.

In den ersten Jahren der Siedlung wurden die Kolonien immer wieder von Notjahren heimgesucht.
Es gab völlige Missernten durch Dürre und starke Verluste durch Heuschreckenplagen. Im Jahr 1831
hat eine Cholera-Epidemie zahlreiche Opfer gefordert. In den Jahren 1828 und 1829 sorgte der
Durchzug von Truppen für die Verarmung vieler Bauern, da sie ihrer Feldarbeit nicht mehr nachkommen
konnten.
Weitere Probleme brachte das Rechtssystem mit sich, hierüber schreibt der Lehrer R. Hahn:
"Die Rechtspflege wurde bei den Kolonisten vom Schulzen und von Gebietsämtern, zunächst unter
Leitung des Kolonie-Inspektors, verwaltet. Diejenigen Kolonisten, welche sich geringer Vergehen
schuldig gemacht haben, wurden teils an Geld, teils an Gemeindearbeit, teils mit Leibesstrafe belegt.
Doch war die Rechtspflege eine sehr traurige. Die meisten Gebiets- und Dorfbeamten waren öfters recht
unordentliche und ausschweifende Trunkenbolde. Betrunken saßen sie öfters auf dem Richterstuhle und
nicht selten wurde der schuldige Teil um Wein oder Branntwein bestraft, welches Getränk dann in der
Gerichtsstube gebracht und daselbst in Plento getrunken wurde. Durch das schlechte Beispiel verleitet,
ergaben sich viele Kolonisten der Trunkenheit, und wenn sich die Gemeinde versammelte, eine gemeinsame
Sache zu beraten, so war öfters ein Teil dabei betrunken und kein reifes Urteil konnte gefällt werden.
An Verbesserung der Landwirtschaft, Sitten etc. wurde nicht gedacht, und die Kolonisten fingen an, ihren
Stand und den Zweck der Regierung, daß sie zum Muster guter Sitten und Ordnung den anderen Völkern dienen
sollten, zu vergessen, und Verschwendung, Faulheit und Liederlichkeit waren unter den deutschen Kolonisten
gemein, und es schien, als würde bald alle gute deutsche Sitte und Ordnung zugrunde gehen. Mit Schmerz
sahen mehrere alte Kolonisten den traurigen Verfall und klagten und trauerten hoffnungslos darüber. Aber
Gott der weise Regent aller Völker, wachte auch hier über seine Kinder, und die Wahrheit des Wortes:
'Wenn die Not am größten, so ist die Hilfe am nächsten', bestätigt sich auch hier im vollsten Sinne des Wortes."

Wie Lehrer R. Hahn weiter berichtet, ging es den Menschen in Borodino in einer späteren Epoche tatsächlich besser:
"Mit dem Jahre 1842 fing alles an sich zu ändern. Se-Exzellenz Herr Staatsrat v. Hahn, damals Präsident
im Fürsorge-Komitee über die Kolonisten in Süd-Rußland, und der damalige Inspektor Kossowsky, das Übel unter
den Kolonisten wohl kennend, drangen gewaltig mit energischen Maßregeln auf Verbesserung aller Zweige der
Ökonomie und Kultur unter den deutschen Kolonisten Bessarabiens und wiesen ihnen den Standpunkt an, den sie
als Kolonisten haben sollten. ... In dieser Zeit fing auch in den Städten und Jahrmärkten der Handel sich mehr
zu beleben an, und die Produkte bekamen einen besseren Wert. Unter den Kolonisten zeigte sich ein Trieb der
Konkurrenz, und einer suchte dem anderen in allen Arten der Ökonomie zuvorzukommen.
Vom Jahre 1842-1853 wurden in den Kolonien die meisten Häuser, Bettenhäuser, Kirchen und Schulen erbaut.
Auch die Kolonie Borodino beschloß, ihrem Herrn und Gott eine würdige Stätte zu erbauen und legte im Jahre 1849
den Grundstein zu der bis auf den heutigen Tag stehenden Kirche."


Die Umsiedlung nach Deutschland

Bessarabien ist erst nach den russisch-türkischen Kriegen ein Zankapfel zwischen Rußland und Rumänien geworden.
Wenn man die Sache von diesem Zeitpunkt an betrachtet, wurde Bessarabien zum ersten Mal russisch im Jahr 1812
nach einem siegreich beendeten Krieg mit den Türken. 1917 hatte der Staatsrat in Kischinew Bessarabien zur
selbständigen Republik erklärt und 1918 die freiwillige Angliederung an Rumänien erreicht.
Erst im Juni 1934 hat Rumänien die diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion aufgenommen. Am 6. Juni 1940
wurde dem rumänischen Gesandten vom Außenkommissar der Sowjetunion eine Note zur friedlichen Lösung der
Bessarabienfrage übergeben. Angesichts der damaligen politischen Lage mußte sich Rumänien zum Nachgeben
entscheiden. Es zog seine Truppen aus Bessarabien zurück und überließ dieses Land unverteidigt den Sowjets.
In den ersten Tagen nach der Angliederung an die Sowjetunion war in Borodino kein Soldat zu sehen, dann fuhr
eines Tages ein Lastwagen mit Soldaten durch den Ort, was die Besetzung oder "Befreiung" symbolisieren sollte.
Die Mühle in Borodino wurde verstaatlicht und die Angestellten entlassen. Das gleiche geschah mit dem Konsumladen.
Die vorhandenen Waren wurden abtransportiert, so dass es innerhalb weniger Tage nichts mehr zu kaufen gab.
Die Lösung für die Deutschen in Bessarabien hieß Umsiedlung. Hierzu wurde am 5. September 1940 in Moskau ein
Umsiedelungsvertrag zwischen der deutschen Reichsregierung und der sowjetischen Regierung unterschrieben.
Ab 15. September 1940 verkündeten in allen deutschen Dörfern Bessarabiens Aufrufe in deutscher und russischer Sprache,
dass die deutschstämmige Bevölkerung frei und ungehindert auf deutschen Boden ausreisen kann,
wenn sie den Wunsch dazu hat.
Die Umsiedlung war für die Zeit vom 15. September bis 15. November 1940 vereinbart worden. Mit der Durchführung der
Umsiedlungsaktion war ein Kommando betraut, das aus Deutschen und Russen bestand.
Am 8. Oktober verließen etwa 1200 Personen Borodino. Sie wurden mit Fuhren an den Bahnhof Beresina gebracht und
fuhren von dort mit der Bahn nach Reni. Am 18. Oktober folgte ein zweiter Bahntransport mit über tausend Personen
und am 20. Oktober ging der letzte Treck in Richtung Reni ab. In diesem Treck fuhren 400 Menschen auf 220 Wagen in
Richtung Reni. Am 23. Oktober kamen die letzten Treckwaren aus Borodino in Reni an. Sie mußten hier die sowjetische
Zollkontrolle passieren. Dann überquerten sie den Pruth auf einer Ponton-Brücke und befanden sich auf rumänischen Boden.
Die Aussiedlung war beendet. Der Weg der Umsiedler führte dann per Donauschiff nach Prahovo in Jugoslawien.
Dann folgte die Weiterreise per Bahn mit einem Zwischenstop in einem Durchgangslager bei Agram (heute Zagreb) und bei
Villach passierten die Umsiedler die Grenze des Deutschen Reiches, um auf dem Weg über Österreich und das Sudetenland
in die Lausitz zu gelangen. Dort standen in verschiedenen Orten der Kreise Bautzen, Löbau und Zittau Aufnahmelager
in festen Bauten für die Umsiedler aus Borodino bereit. In diesen Lagern erfolgte die Einbürgerung mit Aushändigung
einer persönlichen Einbürgerungsurkunde.

Mein Urgroßvater Jakob Otterstätter (Geb.: 16. August 1900 in Borodino, 124) verheiratet mit Lydia Schaible
(Geb.: 31. Januar 1902 in Hoffnungstal, 129) ist im Jahr 1940 mit 5 Personen nach Deutschland zurückgekehrt.
Nicht alle Geschwister sind nach Deutschland ausgewandert, Eduard Otterstätter (Geb.: 24. März 1898 in Borodino, 123)
wanderte zum Beispiel in die Vereinigten Staaten von Amerika aus.


Auf dieser Seite habe ich einige historische Fotos von Borodino zusammengestellt.
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